EZB Klima-Stresstest – Risiken einer Orderly Transition versus Hot House World

22. April 2021

Die EZB hat einen Klimastresstest entwickelt, der speziell auf die Auswirkungen verschiedener klimabezogener Szenarien ausgerichtet ist. Basierend auf einem Blog des EZB Vice-Presidents Luis de Guindos geben wir einen Überblick, welche Szenarien und Risikoarten betrachtet werden und welche Überlegungen, die EZB mit dem Klima-Stresstest verbindet. So betrachtet die EZB die Auswirkungen bei erfolgreicher Klimapolitik (Orderly transition), gescheiterter Klimapolitik (Hot house world) und einer erst spät reagierenden Klimapolitik (Disorderly transition)

Einhergehend mit dem Klimawandel sieht die EZB bedeutende Risiken auf die Finanzindustrie zukommen. Diese Klimarisiken unterscheiden sich von bekannten Risiken und werden daher in traditionellen Risikomodellen möglicherweise nicht vollständig erfasst. Aufgrund dessen ist eine sorgfältige Identifizierung und Messung der Klimarisiken erforderlich, was aufgrund der geringen Datengrundlage schwierig ist.

Vorläufige Daten der EZB stellen bereits dar, dass bei extremen Wetterlagen die Kosten der Unternehmen, wie beispielsweise Aufwendungen für Sachschäden, substanziell ansteigen und sich dies auch auf die Ausfallwahrscheinlichkeit (Propability of Default (PD)) der Unternehmen negativ auswirkt. Der Klimawandel ist somit eine bedeutende Quelle für systemische Risiken, welche besonders bei Konzentrationen auf bestimmte Wirtschaftssektoren oder geografische Gebiete aufmerksam betrachtet und bewertet werden muss. Eine positive Nachricht der EZB ist, dass frühzeitiges Handeln die o.g. Kosten wesentlich verringert.

Zur differenzierten Betrachtung hat die EZB die Klimarisiken in zwei Kategorien eingeteilt:

  1. Physische Risiken: in diese Kategorie fallen die ökonomischen Folgen von Naturereignissen / -katastrophen.
  2. Transitorische Risiken: Diese werden auch als Übergangsrisiken bezeichnet. Sie ergeben sich aus der Klimapolitik und den damit verbundenen Kosten zur Umstrukturierung. Hiervon sind vor allem CO2-intensive Industrien betroffen.

Beide Risikoarten haben einen signifikanten negativen Einfluss auf die Finanzindustrie. Sie sind im Klimakontext nicht klar voneinander zu trennen, sondern miteinander verflochten und reagieren komplementär auf politische Einflussnahme. Bei höherer politischer Einflussnahme auf die Wirtschaft werden die transitorischen Risiken steigen, dafür gleichzeitig auch die physischen Risiken sinken. Bei geringer politischer Einflussnahme verhalten sich die Risiken umgekehrt. Diese Risikoarten bilden auch einen zentralen Punkt beim kommenden Stresstest der EZB.

Ziel des Stresstests ist es, die Widerstandsfähigkeit der Banken zu prüfen und die Auswirkungen der Klimarisiken auf die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität der Banken zu testen. Des Weiteren soll die Identifizierung, die Quantifizierung und das Verstehen der Klimarisiken weiter ausgebaut und optimiert werden. Hierzu hat die EZB einen Datensatz von ca. 4 Mio. Unternehmen und 2.000 Banken (nahezu alle Finanzinstitute in der Eurozone) erstellt, der im Laufe des Jahres verfeinert werden und dann mit allen Erkenntnissen in den Stresstest 2022 einfließen soll.

Der Stresstest 2022 wird Klimarisiken als Schwerpunkt betrachten. Aufgrund der langfristigen Auswirkungen des Klimawandels wird der Zeithorizont des Stresstests auf 30 Jahre ausgeweitet, um ein möglichst ausgeglichenes Bild der Langzeitfolgen aufzeigen zu können. Außerdem setzt die EZB auf eine Kombination aus plausiblen zukünftigen Klimabedingungen und makroökonomischen Auswirkungen von Klimamaßnahmen.

Die Basis des Stresstests sind drei verschiedene Szenarien:

  1. Das erste Szenario (“orderly transition“) beschreibt den geordneten Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft. Hier wird davon ausgegangen, dass eine rechtzeitige und effektive Umsetzung der Klimapolitik erfolgt und somit die globale Erwärmung im Rahmen gehalten werden kann. Die Folge sind begrenzte Kosten für transitorische und physische Risiken. Der geringe Anstieg der PD wird durch die deutlich geringeren Kosten der mittel- bis langfristigen physischen Risiken mehr als ausgeglichen und durch nachhaltige Technologien können Unternehmen langfristig deren Effizienz, Profitabilität und Kreditwürdigkeit steigern.
  2. Das zweite Szenario (“hot house world“) simuliert ein Scheitern der Klimapolitik mit der Folge von starken Auswirkungen auf die Erderwärmung und somit auf die Umwelt. Die fehlende Umsetzung der Klimapolitik hat zur Folge, dass die transitorischen Risiken sehr gering ausfallen. Dem entgegen stehen die wirtschaftlichen Schäden gegenüber, die die Schäden im Szenario “orderly transition” deutlich übersteigen. Zusätzlich ist auf lange Sicht mit großen Verlusten beim Sachkapital zu rechnen und die Rentabilität sinkt deutlich.
  3. Das dritte Szenario (“disorderly transition“) umfasst einen ungeordneten Übergang mit einer verzögerten, dafür sehr abrupten Umsetzung der Klimapolitik. Die Transitionskosten sind deutlich höher als beim “orderly transition” Szenario. Allerdings sind auf lange Sicht die Übergangskosten geringer als die Kosten aus physischen Risiken beim “hot house world” Szenario.

Insgesamt steigt die PD in den Szenarien “hot house world” und “disorderly transition” in allen Branchen. Umweltschädliche Industrien sind am stärksten betroffen und in zusätzlich geografisch besonders gefährdeten Lagen (siehe Darstellung 1) können die Ausfallwahrscheinlichkeiten bis zu viermal so hoch sein, wie beim Durchschnittsunternehmen.

Die vollständigen Ergebnisse unter Einbeziehung von über 2000 Banken in der Eurozone sollen Mitte 2021 zur Verfügung stehen. Anschließend wird eine Bewertung der Widerstandsfähigkeit der Banken gegenüber den Klimarisiken durch Kredite, Wertpapiere und Beteiligungen erarbeiten.

Ebenso strebt die EZB eine Erweiterung des Rahmens an, um dynamische Reaktionen der Banken sowie Vermögensverwalter und Versicherungen mit zu berücksichtigen. Zusätzlich wird erwartet, dass durch Anpassungen der Bankenportfolien in Richtung weniger klimasensitiver Industrien, Einfluss auf die Realwirtschaft genommen wird.

Quelle: https://www.ecb.europa.eu/press/blog/date/2021/html/ecb.blog210318~3bbc68ffc5.en.html

Zum Autor:

Philipp Ehren ist seit 2021 Senior Consultant der CURENTIS AG. Er verfügt über mehrjährige Erfahrungen aus der Projektarbeit im Risikomanagement mit dem Schwerpunkt auf IT-Anwendungen. Darüber hinaus hat er sich auf Sustainable/Green Finance spezialisiert.