Nachhaltigkeit in Banken

Teil 7: Nachhaltigkeitsstandards und -label grüner Finanzprodukte

Im siebten und letzten Teil unserer Nachhaltigkeitsreihe stellen wir Nachhaltigkeitsstandards und -label grüner Finanzprodukte und -instrumente vor. Aufgrund ihrer großen Bedeutung im Rahmen des Aktionsplans für ein nachhaltiges Finanzwesen legen wir dabei den Schwerpunkt auf die sog. Green Bonds.

Fehlende einheitliche Definition „grüner Anleihen“

Unter Green Bonds werden in der Regel Anleihen verstanden, die ökologisch nachhaltige („grüne“) Projekte oder Vermögensgegenstände (re-)finanzieren. Was dies im Detail bedeutet, darüber gibt es bisher kein allgemein geteiltes Verständnis. Daraus ergaben sich für Investoren und Emittenten dieser grünen Anleihen zwei zentrale Fragestellungen:

  1. Was ist genau unter Green Bonds zu verstehen? Wie „grün“ müssen grüne Anleihen sein?
  2. Wie kann der grüne Charakter der Anleihen nachgewiesen werden?

So lange es keine Klarheit bzgl. dieser Fragen gibt, besteht die Gefahr von Reputationsschäden für den Emittenten und eines tatsächlichen oder vermuteten Greenwashings.

Dieses Problem stellt ein wesentliches Hindernis für die Entwicklung eines europäischen Marktes für grüne Anleihen dar. Dieser Markt ist jedoch erforderlich, um die für die Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens erforderlichen finanziellen Mittel zu generieren. Dies wurde auch auf EU-Ebene erkannt. Die Einführung eines entsprechenden (Qualität-)Standards wurde im Abschlussbericht der High-Level Expert Group on sustainable finance im Januar 2018 empfohlen und danach in den EU-Aktionsplan aufgenommen. Im März 2020 veröffentlichte die Technical Expert Group dann ihren Abschlussbericht zur Taxonomie und einen Usability Guide für den sog. EU Green Bond Standard (kurz: EU GBS). Dieser Standard ist freiwillig und Emittenten inner- und außerhalb der EU zugänglich. Er baut auf bestehender Market Best Practice wie den Green Bond Principles (kurz: GBP) der International Capital Market Association (kurz: ICMA) auf und besteht aus vier Kernelementen:

  1. Übereinstimmung mit der EU-Taxonomie,
  2. Veröffentlichung eines Green Bond Rahmenwerks,
  3. Verpflichtende Berichterstattung und
  4. Verifzierung.

Der EU Green Bond Standard soll damit die Transparenz, Vergleichbarkeit sowie das Vertrauen in den Markt grüner Anleihen erhöhen und zur Emission von und Investition in Green Bonds ermutigen.

Auf Basis des vorgestellten Usability Guides funktioniert der EU GBS im Wesentlichen wie folgt:

  • Die Emittenten veröffentlichen vor Emission ein Taxonomie-konformes Rahmenwerk für grüne Anleihen, welches die Green Bond-Strategie des Unternehmens darlegt, die Arten der zu finanzierenden nachhaltigen Projekte beschreibt und die zugrundeliegende Methodologie und den Prozess des sog. Allocation und Impact Reportings erläutert. Die Übereinstimmung des Rahmenwerks mit dem EU GBS ist von einem zugelassenen externen Gutachter zu verifizieren.
  • Ab Emission ist mindestens jährlich (bis zur vollständigen Allokation des Emissionserlöses und danach bei wesentlicher Änderung der allokierten Mittel) ein Allocation Report zu erstellen, der den bereits allokierten Teil des Emissionserlöses (Use of Proceeds) auf Projekt- oder Portfolioebene wiedergibt und die geographische Verteilung der Projekte anzeigt. Darüber hinaus muss dieser Report eine Bestätigung enthalten, dass der Green Bond dem EU GBS entspricht.
  • Nach vollständiger Allokation des Emissionserlöses ist ein Final Allocation Report zu erstellen, der von einem externen Gutachter (wie das Rahmenwerk) zu verifizieren ist.
  • Mindestens einmal nach vollständiger Allokation (oder nochmal nach wesentlichen Änderungen eben dieser) ist ein sog. Impact Report zu erstellen, der Informationen zu den finanzierten grünen Projekten und deren ökologischen Auswirkungen, auf Basis der im Rahmenwerk veröffentlichten quantitativen Metriken und Schwellenwerten. Der Impact Report kann zusammen mit dem Final Allocation Report veröffentlicht werden. Eine Verifizierung ist nicht zwingend erforderlich, wird aber empfohlen.

Am 12. Juni 2020 veröffentlichte die EU-Kommission eine Konsultation (Rückmeldung konnte bis zum 7. Oktober 2020 gegeben werden) zum EU GBS sowie eine Folgenabschätzung (Feedback war bis zum 7. August möglich) zu diesem.

Die Schwerpunkte der Konsultation lagen auf:

  • der Schaffung von finanziellen oder alternativen Anreizen auf Emittenten- oder Investorenseite, um die Entwicklung des Green Bond-Marktes weiter zu unterstützen
  • der Verknüpfung des EU GBS mit der EU-Taxonomie hinsichtlich Geeignetheit der zugrundliegenden Projekte und Vermögensgegenstände
  • der Standardisierung von Verifizierungs- und Berichtserstattungsprozessen im Rahmen des EU GBS.
  • der möglichen Entwicklung eines europäischen Standards für jeweils sog. Sustainability Bonds (Finanzierung ökologischer und sozialer Projekte) sog. Social Bonds (Anleihen, die soziale Zwecke/Projekte finanzieren), die während der COVID-19-Krise als Finanzierungsinstrument mehr in den Vordergrund gerückt sind.

Im Rahmen ihrer Folgenabschätzung adressiert die EU-Kommission mögliche Hindernisse und entsprechende Lösungen für die Entwicklung eines europäischen Green Bond-Marktes:

  • fehlende Definition grüner Anleihen (Lösung: Einigung über Definition von Green Bonds),
  • komplexe Überprüfungsprozesse (Lösung: Verringerung der Suchkosten durch EU GBS),
  • Mangel an geeigneten Projekten und Vermögenswerten (Lösung: Standardisierung, allgemein akzeptierte Definitionen sowie Qualifikation und Unabhängigkeit der Verifizierer).

Ab wann der EU Green Bond Standard verwendet werden kann, hängt von drei Komponenten ab:

  • die Taxonomie-Verordnung muss in Kraft sein,
  • die EU-Kommission muss über den EU GBS entschieden haben und
  • es muss eine Regelung bzgl. der Akkreditierung der unabhängigen externen Gutachter, wenn auch nur vorübergehend, getroffen worden sein.

Die Veröffentlichung der Verordnung zum EU GBS ist für das erste Quartal 2021 vorgesehen.

Internationale Marktstandards

Der EU GBS orientiert sich an bestehender Market Best Practice in Form der GBP. Diese bilden international anerkannte Prozessleitlinien, die Emittenten zu Transparenz und Offenlegung anhalten soll. Sie geben eine klare Vorgehensweise für die Emission grüner Anleihen vor. An deren Entwicklung waren ca. 200 Marktteilnehmer verschiedener Interessengruppen (Investoren, Emittenten, Emissionsbanken) unter Beteiligung der ICMA beteiligt. Sie wurden erstmalig 2014 veröffentlicht und werden seitdem regelmäßig überarbeitet.

Der Schwerpunkt der GBP liegt auf der Schaffung von Transparenz, wodurch sie die Integrität der zu veröffentlichen Informationen im Rahmen der Kommunikation zwischen Emittenten und Stakeholdern erhöhen. Die vier Kernkomponenten der GBP sind:

  • die Verwendung der Emissionserlöse,
  • der Prozess der Projektbewertung und -auswahl,
  • das Management der Erlöse und
  • die Berichterstattung.

Ähnlich dem EU GBS wird auch bei den GBP die Verifizierung durch einen unabhängigen externen Gutachter empfohlen. Dem Konzept der GBP sehr ähnlich, wurden auch die sog. Social Bond Principles und Sustainability Bond Principles unter Beteiligung der ICMA entwickelt. Erstere beziehen sich auf soziale Projekte als Finanzierungsobjekt, letztere auf einen Mix aus ökologischen und sozialen Projekten und Vermögensgegenständen.

Ein weiterer international anerkannter Standard für Green Bonds ist der sog. Climate Bonds Standard (kurz: CBS) der Climate Bonds Initiative (kurz: CBI), einer internationalen, auf Investoren ausgerichteten Non-Profit-Organisation, mit dem Ziel, den Anleihemarkt in die Bekämpfung des Klimawandels mit einzubeziehen. Der CBS beruht auf den weit gefassten Integritätsprinzipien der GBP, entwickelt diese aber zu einem Zertifizierungssystem mit folgenden Kernaspekten weiter:

  • Übereinstimmung mit den GBP,
  • Detaillierte Geeignetheitskriterien für CO2-arme und klimaresistente Projekte und Vermögensgegenstände,
  • Prüfung durch einen von der CBI zugelassenen externen Gutachter nach dem ISAE 3000 Standard,
  • Verbindliche Anforderungen an die Mittelverwendung und -verfolgung sowie das Reporting und
  • Zertifizierung und laufende Kontrolle durch das sog. Climate Bonds Standard Board.

Es zeigt sich, dass sich die unterschiedlichen Standards in ihren wesentlichen Merkmalen nicht grundlegend unterscheiden. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Schaffung von Vertrauen bzw. Integrität mittels transparenter Entscheidungen und Prozesse. Der EU GBS bildet mit seinem regulatorischen Rahmen (Verknüpfung zur verbindlichen EU-Taxonomie oder mögliche Gewährung von Anreizen) das komplexeste Gütesiegel. Wie sich die drei Standards zukünftig nebeneinander entwickeln werden, kann erst abgeschätzt werden, wenn erste Erfahrungen mit dem EU GBS gemacht wurden. Untereinander verhält es sich zumindest so, dass eine grüne Anleihe, die die Anforderungen des EU GBS erfüllt auch automatisch GBP-konform ist, aber nicht andersrum.

CURENTIS beschreibt das Thema Nachhaltigkeit in Banken aktuell in den nachfolgenden Beiträgen:

Zum Autor: Matthias Hadinek ist seit 2020 Senior Consultant der CURENTIS AG. Er verfügt über mehrjährige Erfahrungen aus der Projektarbeit in der prüfungsnahen Beratung mit dem Schwerpunkt auf kreditnahen Themen und Aufsichtsrecht. Darüber hinaus hat er sich auf Sustainable/ Green Finance spezialisiert.